


Eine Bühne, die Geschichte schrieb
Es war ein Krieg, der über Jahre geführt wurde. Kein Krieg mit Waffen, sondern mit Aktenordnern, Verfügungen und Bußgeldbescheiden. Die Front verlief mitten durch St. Pauli, durch die Große Freiheit, zwischen Schreibtischen und Bühnen, zwischen dem, was die einen Freiheit nannten und die anderen Unsittlichkeit. Auf der einen Seite stand mein Vater, René Durand. Franzose, Überlebender, Visionär. Er war kein großer Mann, aber einer, der jeden Raum füllte, sobald er ihn betrat. Schwarzes Haar, Musketierbart, ein französischer Akzent und dieser unerschütterliche Blick, der sagte: Ich gehe meinen Weg, ganz gleich, wer sich mir in den Weg stellt. Für die einen war er ein Provokateur. Für die anderen ein Pionier. Für viele einfach René. Auf der anderen Seite stand Oberamtsrat Kurt Falck. Groß gewachsen, grauhaarig und ebenso überzeugt von seiner Sache wie mein Vater von seiner. Falck wollte St. Pauli säubern. Mein Vater wollte Grenzen verschieben. Der eine glaubte an Ordnung und Moral, der andere an persönliche Freiheit. Keiner von beiden war bereit nachzugeben. Als mein Vater 1967 das Salambo eröffnete, konnte niemand ahnen, dass daraus einer der längsten Sittenkriege der Bundesrepublik entstehen würde. Kaum hatte das Haus seine Türen geöffnet, saßen bereits die ersten Beobachter des Ordnungsamtes im Publikum. Empört berichteten sie von Kerzen, Flaschen und anderen Requisiten, die auf der Bühne eingesetzt wurden. Das erste Bußgeld folgte. Dreihundert Mark. Mein Vater zahlte, versprach Besserung und machte weiter. Es folgten neue Verfahren, neue Geldstrafen und neue Vorwürfe. Immer wieder wurde er zur Kasse gebeten, weil seine Künstlerinnen angeblich gegen die guten Sitten verstießen. Doch mein Vater war nicht der Typ Mensch, der aufgab. Wenn sich eine Tür schloss, suchte er nach einer anderen. Wenn man ihm eine Grenze setzte, überlegte er nur, wie man sie umgehen konnte. Gewöhnlicher Striptease langweilte ihn. Er wollte Theater. Inszenierung. Erotik mit Dramaturgie. Licht, Musik und Choreografie. Für ihn bestand ein gewaltiger Unterschied zwischen billigem Ausziehen und einer Aufführung, die provozierte, faszinierte und die Menschen zum Staunen brachte. „Ich verdichte den plumpen Striptease zu künstlerischen und erotischen Szenen“, sagte er einmal. Genau dieser Gedanke brachte seine Gegner regelmäßig zur Verzweiflung. Während andere längst kapituliert hätten, gründete mein Vater kurzerhand die „Sexualliberale Aktion“. Neunzehn Hamburger schlossen sich ihm an. Sie diskutierten über persönliche Freiheit, über Sexualstrafrecht und darüber, ob erwachsene Menschen nicht selbst entscheiden sollten, wie sie leben wollten. Für manche war das lächerlich. Für andere eine kleine Revolution. Das Vereinslokal befand sich natürlich im Salambo. Mein Vater liebte solche symbolischen Gesten. Je größer die Empörung wurde, desto mehr schien er aufzublühen. Die Behörden beobachteten ihn inzwischen auf Schritt und Tritt. Immer wieder saßen Beamte im Publikum. Immer wieder wurden Protokolle geschrieben. Immer wieder landeten die Streitigkeiten vor Gericht. Mein Vater wechselte Geschäftsführer, schloss neue Verträge, fand neue Partner und erfand ständig neue Wege, sein Theater am Leben zu halten. Für seine Gegner war das Verschleierung. Für ihn war es Überlebenskunst. Trotz aller Angriffe gingen die Vorstellungen weiter. Die Zuschauer kamen in Scharen. Sie beschwerten sich nicht. Im Gegenteil. Sie standen Schlange. Hunderttausende Menschen sahen die Aufführungen im Salambo. Viele kamen immer wieder. Das Haus war oft ausverkauft. Doch während das Publikum begeistert war, kämpften die Behörden unbeirrt weiter. Längst ging es nicht mehr nur um Erotik oder Moral. Es war ein Kampf zwischen zwei Weltanschauungen geworden.
Mein Vater verstand irgendwann nicht mehr, worum es eigentlich noch ging. „Wenn die Menschen es sehen wollen“, fragte er immer wieder, „warum darf ich es ihnen dann nicht zeigen?“ Eine Antwort bekam er nie. Stattdessen wurde wieder eine Genehmigung entzogen, wieder ein Verfahren eröffnet und wieder ein neuer Versuch unternommen, ihn aufzuhalten.
Als eines Tages erneut eine seiner Genehmigungen kassiert wurde, stellte mein Vater einen schwarzen Sarg in den Eingangsbereich des Salambo. Auf ihm stand: „Hier ruht unsere persönliche Freiheit.“ Das war typisch René Durand. Provokant, dramatisch und gleichzeitig voller Ironie. Die Künstler standen deshalb natürlich nicht plötzlich ohne Arbeit da. Ein paar hundert Meter weiter ging die Show einfach weiter. Das Programm zog um. Die Zuschauer zogen mit. Und die Beamten hinterher.
Es wurde zu einem Katz-und-Maus-Spiel, das sich über Jahre hinzog. Während die einen versuchten, ihn aufzuhalten, entwickelte mein Vater längst die nächste Idee. Ein Erotiktheater. Ein neues Konzept. Eine neue Rechtsgrundlage. „Dann spiele ich eben Theater“, sagte er. „Das geht nur noch die Kulturbehörde etwas an.“ Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich oft lächeln. Denn so war mein Vater. Er war nicht einfach Betreiber eines Nachtlokals. Er war Kämpfer und Träumer zugleich. Stur bis zur Unerträglichkeit, charmant bis zur Gefahr. Er konnte Menschen zur Weißglut bringen und sie im nächsten Augenblick zum Lachen. Er liebte die Bühne, die Provokation und vielleicht auch den Kampf selbst. Denn je öfter man ihm sagte, etwas sei unmöglich, desto entschlossener wollte er beweisen, dass es doch ging. Für die einen war René Durand ein Sittenstrolch. Für die anderen ein Vorkämpfer der sexuellen Freiheit. Für mich war er vor allem eines: mein Vater. Ein Mann voller Widersprüche. Ein Mann, der Konzentrationslager überlebt hatte und sich später ausgerechnet mit Hamburger Oberamtsräten über Bühnenprogramme, Moralvorstellungen und die Grenzen persönlicher Freiheit stritt. Und manchmal denke ich, dass genau darin die wahre Geschichte des Salambo liegt. Es war nie nur ein Erotiktheater. Es war ein Spiegel seiner Zeit. Ein Ort, an dem sich die Gesellschaft darüber stritt, wie frei ein Mensch wirklich sein durfte. Und mitten in diesem Sturm stand René Durand, klein von Statur, mit Musketierbart und französischem Akzent, und weigerte sich beharrlich, die Bühne zu verlassen.





